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Power der nonverbalen Kommunikation

Jeder kennt ihn. Der Moment eine Tür zu öffnen und vor einem steht der Freund, die Partnerin, der Verwandte, früher die GEZ, manchmal noch die "Zeugen Jehovas, die einen begrüßen mit der Frage: Sind Sie glücklich? Dieser besondere Moment der ersten Begegnung wird meist von einer hohen Präsenz durch Aufregung und Freude begleitet. Ein Moment der Wahrheit. Warum? Schauen wir uns das genauer an.

Evolutionärer Ursprung

Bevor die Begrüßung über Worte geschieht, haben wir bereits 65 bis 90 Prozent durch Blick, Mimik, Gestik, Habitus wie Kleidung und die Körperhaltung von unserem Gegenüber erspürt wie "gelesen". Ohne (non) sich zu verständigen (communicare) erleben und verstehen wir also sinnlich unser Gegenüber. Wir haben Informationen bekommen, die uns erzählen, wie es dem Anderen gerade geht, um selbst schon ein Stückchen vorbereitet zu sein, dem Gegenüber adäquat zu begegnen. Ein wenig schimmert hier die Evolution durch und genau an diesem Punkt findet auch das "Lesen der nonverbalen Kommunikation" seinen Ursprung und Entwicklung. Schon Charles Darwin schrieb 1872 in seinem Buch "The Expression of the Emotions in Man and Animals" über den evolutionären Vorteil durch unseren ausgeprägten Sinn nonverbale Kommunikation auszulesen. Und das tun wir alle täglich in jeder Situation mit 250000 Gesichtsausdrücken, 1000 Körperhaltungen und ca. 5000 Gesten. Wir sind also Experte, Expertin, den Anderen vor jeglichem verbalen Inhalt wahrzunehmen und daraus Beziehungen zu kreieren. Dabei entscheiden wir in Bruchteilen von Sekunden, ob wir dem Gegenüber lieber aus dem Weg gehen, sachlich bleiben, humor- oder liebevoll mit einer Umarmung begegnen.

Begrüßungsformen

An dieser Stelle greift nicht nur der Punkt, dass wir nonverbale Kommunikation benötigen, um den anderen "riechen zu können oder nicht", sondern wie wir sozialisiert sind, welche Rituale unsere Kultur zum Beispiel bei dem Thema Begrüßung hat. In Österreich und in der Schweiz gibt man bei der Begrüßung "Bussis auf die Wange". In Indien verbeugt man sich vor dem Göttlichen - "Namaste". In Deutschland wird die Hand gegeben und auf freundschaftlicher Ebene umarmt. Mit 1,5 Meter Abstand in der Pandemiezeit gibt es im Rahmen der Begrüßung die sanfte Faust- oder Ellenbogenberührung. Zwischenzeitlich auch mal der Fuß. Jedoch hatte sich das schnell als Alternative verloren. vielleicht weil der Zusatz, das Gleichgewicht zu halten doch sehr vom anderen abgelenkt hat. 

Nähe und Distanz

Auf einem Plakat im Herbst 2021 in einer Fußgängerzone stand „Anstand ist Abstand“. Ein Credo, das sich durch alle Gesellschaftsschichten in den kommenden Monaten nach und nach vollzog. Im Moment einer schönen, gewollten Umarmung zwischen zwei Menschen, die sich mögen, wird in uns ein Kuschelhormon namens Oxytocin freigesetzt. Wir fühlen uns dann gemocht, geliebt und geben im besten Fall für einen Augenblick unsere Kontrolle ab. Die Notwendigkeit in der Pandemiezeit, den Abstand zu wahren, nimmt uns zum Teil dieses Erlebnis. Damit wird das Thema Nähe und Distanz in Begegnungen neu verhandelt, wir kriegen weniger unser Kuschelhormon und auch das sich abgeben, Kontrolle fallen lassen, muss sich transformieren. Interessant ist bis heute zu beobachten, dass Partnerbörsen in der Zeit der Pandemie Hochkonjunktur haben. Vielleicht weil uns zwischenmenschliches, lockeres Miteinander einfach fehlt.

Lachen fördert soziale Interaktion

Konnte der Abstand nicht gewahrt werden, galt und gilt Maskenpflicht. Es gibt noch keine grundständigen Studien darüber, wie dies langfristig auf die nonverbalen Kommunikation wirkt. Doch kurzfristig ist einiges über die besondere Mundregion und die Wirkung und Kraft im zwischenmenschlichen Bereich zu sagen. Die 250.000 Gesichtsausdrücke werden hauptsächlich durch Augen und Mund geformt. Diese zwei Bereiche sind also entscheidend für den emotionalen Ausdruck meines Gegenübers. Mit der Mundpartie zeigen wir zum Beispiel Lachen. Lachen fördert die soziale Interaktion, eignet sich also sehr gut Glücksgefühle auszudrücken. Ist die Mundregion verdeckt, kommt den Augen eine größere Bedeutung zu, aber auch der Stimme. Leider verteilen sich die Schallwellen durch die Maske nicht optimal und meist müssen wir mehr Luft aufwenden, um die Stimmbänder zu bewegen, damit uns unser Gegenüber versteht.

Maske als Schutz

Abstand und Maske sind also Hindernisse. Hindernisse zwischen zwei Menschen. Plötzlich werden dadurch auch andere Themen berührt wie lockerer Small Talk oder einfach Mal Flirten. All das hat gerade nicht die besten Bedingungen, um locker, entspannt das Gefühl aufkommen zu lassen, in den Flow zu kommen und dazuzugehören. An dieser Stelle ist jedoch auch zu betonen, das nonverbalen Kommunikation immer eine Herausforderung darstellt. Die Herausforderung Beziehungsaufbau zu gestalten. Das kann Stress auslösen. Einfach, weil im Moment, wenn sich zwei Menschen begegnen alles passieren kann. Das ganze Repertoire der Emotionen. Die Maske bietet daher auch manchen Menschen Schutz, diesen komplizierten Beziehungsaufbau nicht wie gewohnt gestalten zu müssen. 

Fazit

Worin liegt nun die Grundproblematik betreffend den Störungen. Wir werden nicht mit Maske geboren. Instinkthaft durch die Evolution haben wir gelernt unser Gegenüber durch seine nonverbalen Kommunikation zu lesen und dadurch lernen wir, schützen und verbinden uns miteinander. Wird diese Störung über einen langen Zeitraum zur Normalität ist uns eventuell garnicht mehr bewußt, welches Potenzial wir miteinander durch die nonverbalen Kommunikation erleben können. Das ändert vieles. Warum? Weil ein achtsames Miteinander auch Themen wie Toleranz, Empathie, Mitgefühl, Gerechtigkeit tangieren und ein friedliches Miteinander sichert. Solange die „Maske und der Abstand nicht fällt“ braucht es also Achtsamkeit, um das Miteinander zu pflegen. Für sich selbst und alle anderen.